Ein Läuten deutet an, dass die große Pause am Gymnasium Dingolfing in fünf Minuten zu Ende geht. Die Schüler machen sich auf den Weg zu ihren Klassenzimmern und die noch eben voll besetzte Aula der Schule leert sich innerhalb kürzester Zeit. Zurückbleibt eine stattliche Menge an Müll und der „Aulaaufräumdienst". Es handelt sich dabei um jeweils vier Schüler, deren Aufgabe darin besteht, den Müll aufzusammeln, Flaschen zum Hausmeister zu bringen und die Stühle und Tische an ihren Platz zu stellen. Im Verlauf des Schuljahres muss jeder Schüler diesen Ordnungsdienst einmal übernehmen.

Auf einer aktuellen Fortbildung zum Thema Werteerziehung betont Herr Prof. Dr. Meindl von der Universität Passau, dass Werte nicht durch Appelle, sondern durch eigene Erfahrungen gelernt werden müssen. Dabei sollen gerade Lehrer als Pädagogen die geforderten Werte selber vorleben. Bei dem Projekt „Rent a coach"  können aber auch ältere Schüler diese Vorbildrolle einnehmen. Es haben sich etwa 50 Schüler der 10. Klassen feiwillig dazu bereiterklärt, den Fünft- und Sechsklässlern bei schulischen Schwierigkeiten zu helfen. Hat also ein Fünftklässler beispielsweise Probleme bei der Division natürlicher Zahlen, wirft er einen Zettel in den „Rent a coach"-Briefkasten. Die Organisatoren des Projekts leeren den Briefkasten, finden den Zettel und stellen den Kontakt zwischen dem Hilfe suchenden Schüler und einem Zehntklässler, der Mathematik als sein Schwerpunktfach angegeben hat, her. Für die folgenden Nachhilfeeinheiten gibt es natürlich keine Bezahlung. Wieder ein Beispiel dafür, wo junge Menschen Verantwortung für andere übernehmen.

Im Schuljahr 2008/09 haben sich im Lehrerkollegium zwei Arbeitsgruppen gebildet, die je ein stark schülerzentriertes Programm für „Kennenlerntage" für die 5. Jahrgangsstufe und für „Wertetage" in der 8. Jahrgangsstufe entwickelt haben. Mit großem Engagement und unter hohem zeitlichen Aufwand haben die Kollegen Konzepte erarbeitet, die im folgenden Schuljahr erprobt, überarbeitet und in diesem Schuljahr erneut und erfolgreich durchgeführt wurden. Ihr thematischer Schwerpunkt „Verantwortung übernehmen- für sich selbst und andere" ist aber auch Grundlage vieler weiterer Veranstaltungen und Projekte, die bereits seit längerer Zeit am Gymnasium Dingolfing durchgeführt werden. Durch Zusammenführen all dieser Aktivitäten und der zugrunde liegenden Werte entstand ein Wertekonzept, das in Anlehnung an das G8 „W8" genannt wurde. Dabei wurden folgende „W8-Werte" definiert:

  1. Beziehungen aufbauen: andere Menschen achten
  2. Kommunikation und Konfliktlösung: mit anderen Menschen im Gespräch
  3. Umgangsformen: anderen Menschen in einer guten Art und Weise begegnen
  4. Zuverlässigkeit: Ordentlichkeit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit lernen und einüben
  5. Toleranz und Akzeptanz: offen sein für Menschen, die anders sind
  6. Selbstorganisation: lernen sein alltägliches Leben zu planen
  7. Verantwortung für andere übernehmen: Menschen in Not sehen lernen und helfen
  8. Verantwortung für sich selbst übernehmen: für sein eigenes Leben Ziele entwickeln

Im Laufe der achtjährigen gymnasialen Schullaufbahn sollen die Schüler diese „W8-Werte" bei ganz unterschiedlichen Projekten und Veranstaltungen ganz praktisch kennen lernen.  

Die folgenden Tabellen zeigen die am Gymnasium Dingolfing bereits etablierten bzw. geplanten Veranstaltungen und Projekte und den zugeordneten hervorstechenden „W8-Wert":

Jahrgangsstufe

Veranstaltung(en)

„W8-Werte"

5

„Kennenlerntage"

„Lernen lernen"

"Sozialtraining durch die Streitschlichter"

Beziehungen aufbauen

Zuverlässigkeit

Selbstorganisation

6

Skitage

„Selbstmanagementtag"

Beziehungen aufbauen

Selbstorganisation

7

Skitage

„Suchtpräventionserziehung"

„Medienerziehungstag"

(u.a. Gefahren des Internets,
Cybermobbing ...)

Beziehungen aufbauen

Verantwortung für sich

selbst übernehmen

Kommunikation und Konfliktlösung

8

„Wertetage"

Umgangsformen

9

„Kniggekurs"

„Erste-Hilfe-Kurs"

Besuch einer Synagoge

Umgangsformen

Verantwortung für andere übernehmen

Toleranz und Akzeptanz

10

Besinnungstage

Besuch eines Heimes für Suchtkranke

Tutorenausbildung & -arbeit

          Berufsinformationsabend

Beziehungen aufbauen

Verantwortung für andere übernehmen

Verantwortung für andere übernehmen

Verantwortung für sich selbst übernehmen

11/12

Berufsinformationsabend

P-Seminar: BUS-Teil

Abiturfahrt

Verantwortung für sich selbst übernehmen

Beziehungen aufbauen

                                                                                                                     

      kontinuierlich durchgeführte Projekte

„W8-Werte"

„Rent a coach"

Verantwortung für andere übernehmen

„Nikolausaktion"

Beziehungen aufbauen

„Streitschlichter"

Kommunikation und Konfliktlösung

„Aulaaufräumdienst"

Zuverlässigkeit

„Kalenderverkaufsaktion am Schulkonzert"

(Spendensammelaktion)

Verantwortung für andere übernehmen

„Antiaidstag"

(Spendensammelaktion)

Verantwortung für andere übernehmen

„Valentinstagsaktion"

Beziehungen aufbauen

„Tutorensystem"

Beziehungen aufbauen

Die positive Resonanz vieler unserer Schülerinnen und Schüler auf die vielfältigen Angebote zur Werteerziehung bestärkt uns den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

StR Stefan Anthofer

Frau Bergbauer, Berichterstatterin für den Dingolfinger Anzeiger, schrieb über die Wertetage der 8. Klassen:

Passbrunn. (mb) „Die Schule soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Herz und Charakter Bilden” - diese Feststellung war in den vergangenen Tagen auf einem Plakat in einem der Seminarräume im Tierheim Passbrunn zu lesen und unter dieses Motto lassen sich durchaus auch die Wertetage stellen, die das Gymnasium Dingolfing veranstaltete. Alle fünf achten Klassen verbrachten dazu einen Vormittag auf dem Quellenhof in der Gemeinde Reisbach, schließlich ist das Tierheim auch Begegnungsstätte für Menschen. Zum mittlerweile vierten Mal wurde heuer dieser etwas andere Unterrichtstag abgewickelt. Das von mehreren Lehrern entwickelte Unterrichtskonzept wurde von der Anti-Mobbing-Beauftragten Christiane Krempl und der Mittelstufenbetreuerin Barbara Dornisch den Klassenleitern und deren Stellvertretern vorgestellt, die dann ihren Klassen die entsprechenden Inhalte nahebringen sollten.

Alle 8. Klassen - hier die Klasse 8a mit Klassenleiter Christian Horn und stellvertretenden
Klassenleiterin Ursula Kelbel - erarbeiteten sich Verhaltensregeln für ein gutes Miteinander.

Von Montag bis Mittwoch standen nun die beiden Seminarräume für Schüler und Lehrer zur Verfügung, um sich außerhalb des Klassenzimmers intensiv mit dem komplexen Thema „Werte” zu beschäftigen. Dazu gehörte die Frage nach dem eigenen Sozialverhalten und das Suchen von Wegen, wie sich Ausgrenzung innerhalb des Klassenverbundes vermeiden bzw. rückgängig machen lassen. Man beschäftigte sich mit der Einhaltung von Gesprächsregeln anhand verschiedener Spielsituationen, die den Alltag nachstellten. Auch wurde erarbeitet, wie vernünftig miteinander kommuniziert werden kann. Schlagworte wie Höflichkeit, Pünktlichkeit oder Ehrlichkeit bekamen dadurch eine ganz neue Gewichtung. Aufgegriffen wurde aber auch die Problematik der Sachbeschädigung. Letztlich wurde deutlich, dass man sich alles in allem nicht nur mit wichtigen Themen in der Klassengemeinschaft, sondern generell in unserer Gesellschaft auseinandersetzte.

Dass an der Schule nicht nur Wissensvermittlung sondern auch Sozialverhalten geschult werden, ist letztlich auch ein Verdienst von Schulleiterin Oberstudiendirektorin Angelika Wallner und den Lehrkräften, die hinter dem Projekt stehen. Die Buskosten für die Fahrt von Dingolfing nach Passbrunn wurden vom Förderverein des Gymnasiums übernommen. Auch Tierheimleiterin Ilona Wojahn hatte sich eingefunden, um die Schülerinnen und Schüler aus Dingolfing im Hause begrüßen zu können.